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Dietrich
Eichmann
Hole in the Bird
Kritiken
"Stinkfinger-Joe
the mass murderer meets Leather-Lilly in Hong Kong’s morning
twilight": Unheilschwanger klingt die Stimme Dietrich
Eichmanns, wenn er als "Ansager" seine eigene, 1994
entstandene Komposition für Klarinette, Violine und Klavier
ankündigt. Doch die folgende musikalische Szene wird nicht
zum Gruselschocker. Wohl setzt sie mit einem akustischen Kanonenschlag
ein, doch dann scheint der brutale Gangster Stinkfinger-Joe
angesichts von Leather-Lillys Reizen eher weiche Knie zu bekommen.
Viel zarte Klänge sind zu hören, Punktuelles, das
sich nur gelegentlich in der Rhythmik und der Textur verdichtet.
Eichmann lässt die nach dem martialischen Titel des Stückes
geweckten Erwartungen ins Leere laufen. Neue Musik, so die Botschaft,
schließt Humor nicht aus.
Für
Eichmann ist diese unbefangene Haltung bezeichnend. Denn der
1966 geborene Musiker kommt ursprünglich aus der Free-Jazz-Szene,
wo er sich zunächst von Alexander Schlippenbachs Spiel
beeindruckt zeigte, bevor er später als Kompositionsstudent
zu Wolfgang Rihm ging und anschließend in Belgien Assistent
von Frederic Rzewski wurde. "Ich hätte nie geglaubt,
dass man auch mit Notenschreiben Musik machen kann...",
so lautete beim Wechsel in die Gefilde der "Neuen Musik"
die verblüffte Erkenntnis eines Künstlers, für
den das Improvisieren die musikalische Initialzündung bildete.
Wie
eine große Improvisation wirkt denn auch Eichmanns fünfsätzige
Vorläufig namenlose Komposition für Flöte
und Klavier, bei deren Hören man sich wie auf dem Gang
durch eine fremde Stadt fühlt, wo sich hinter jeder Straßenecke
neue, unerwartete Blicke auftun. Der Begriff "Improvisation"
in diesem über vierzig Minuten dauernden Stück sollte
aber nicht als Entschuldigung für Formlosigkeit verstanden
werden: Gemeint ist mit ihm vielmehr die aus der Musizierpraxis
gewonnene Erfahrung, wie verschiedene Instrumentalparts zur
flexiblen Reaktion aufeinander fähig sind.
Abgerundet
wird das akustische Porträt Eichmanns im Rahmen der "Edition
Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats durch
eine Einspielung des Piano Quartet The Late 92, das Eichmann
im Gegensatz zur "Vorläufig namenlosen Komposition"
nicht als Improvisation, sondern als "hörbar strukturiertes
Werk" aufgefasst wissen will. Dennoch: auch bei diesem
Stück für vier Klaviere, das ursprünglich für
eine Heavy-Metal-Band und zwei Klaviere konzipiert war und dann
für das Ensemble Ottomani umgeschrieben wurde, überwiegt
der Eindruck lustvoller Verspieltheit. Der rhythmische Drive
der Musik lässt von Ferne noch den "Heavy-Metal"-Hintergrund
der Erstfassung spüren und steht für die ästhetische
Offenheit eines Komponisten, der von sich sagt: "Ich schätze
und achte Musik aus den verschiedensten Richtungen, wenn ich
eine humanistische Authentizität darin spüre."
Gerhard Dietel / Neue Zeitung für Musik
"Immer kecker erheben Neoromantik und eklektischer Pseudo-Klassizismus
unter dem Beifall des breiten Publikums ihr retrospektives Haupt",
konstatiert Harald Borges mit etwas zu viel Schaum vorm Mund
in seinem lesenswerten Booklet-Text. Über die Unbedingtheit
seiner Verachtung gegenüber aller Musik, die Vergangenes
reflektiert, läßt sich streiten, doch hat er im Kern
Recht: Zu viele Tonhöhen-Organisatoren der Jetztzeit suchen
ihr Heil im Damals, weil sie nicht zu Rande kommen mit dem Ende
der Zwänge. Bis also ein neues Gerüst steht, sind
die Komponisten auf sich selbst gestellt. Auch Dietrich Eichmann
(Jg. 1966) kommt natürlich nicht ohne Vergangenheit aus.
Die seine wurzelt in den 60ern und 70ern. Aus diesen Wurzeln
sprießen höchst eigenständige Triebe. Ein wenig
kantig, ein wenig skurril, immer spannend, gut hörbar -
und bei weitem nicht so vordergründig witzig, wie mancher
Titel ahnen oder fürchten läßt. Das bedeutet
nicht, daß etwa das Aufeinandertreffen von Massenmörder
und Lederdomina nicht mit einer gehörigen Spur schwarzen
Humors daher käme. Aber er ist doppelbödig, subtil,
böse was die Musik dieser CD insgesamt ganz gut charakterisiert.
Peter
Korfmacher / Fonoforum
Stinkfinger-Joe
the Mass Murderer Meets Leather-Lilly in Hong Kong’s Morning
Twilight... na, da will man doch mehr darüber wissen. Und
es lohnt sich: "Stinkfinger-Joe..." ist der Titel eines recht
ironischen Stückes für Klarinette, Violine, Klavier
und Ansager. Komponist: der 1966 geborene Dietrich Eichmann.
Und wenn der Titel eher so dahergesagt klingt, dann hat das
durchaus seinen Sinn: Eichmann, Schüler von Wolfgang Rihm,
improvisiert, wenn er komponiert. Der Jazz hat ihn geprägt,
und über das klassische Komponieren "mit Notenschreiben"
hat er wieder zurück zur Improvisation gefunden. Als Hörer
ist man bei Eichmann also nie sicher vor Überraschungen.
Sein "Piano Quartet The Late 92" hatte Eichmann ursprünglich
für Heavy-Metal-Band und zwei Klaviere konzipiert. Zwar
"mit zwei fantastischen Musikern, die sogar Noten lesen konnten,
doch wie es sich für eine richtige Heavy-Metal-Band gehört,
hatte die sich schon aufgelöst, ehe das Stück fertig
war." Letztendlich wurde also ein Stück für vier zum
Teil heftig "groovender" Klaviere daraus.
Trotz aller Ironie sind Eichmanns Stücke keine leichte
Kost. Vielleicht liegt das gerade daran, dass sie improvisiert
wirken. Und vermutlich, wie der improvisierte Jazz, erst in
einer Live-Aufführung zur vollen Entfaltung gelangen.
(Wertung: 4 Sterne von 5)
Stefan
Müller (Kulturzeit) / 3sat_online
The very
first sentence of the booklet note reassures us that the composer
is no relation whatsoever to the Nazi war criminal with the
same name, and in the interests of the public good, we repeat
this consoling fact here. Looking at the titles led to a momentary
concern that he might turn out to be another sort of criminal
altogether - the kind that produces in the guise of 'installation
art' sensitive meditations on the human condition expressed
through the medium of bits of broken-up plaster and plexiglass
glued together and spattered with housepaint, but the music
isn't like that. The piece for four pianos has an energy and
dynamism which reflects, but does not sound like, its original
conception as a piece for pianos and rock band. This kind of
restless energy, with shifting cross-rhythms and nervous pulsating
accents is typical of the pieces here, and provides the music
with a degree of momentum which prevents it ever sounding fragmentary,
and a freshness which certainly relates to the composer's background
in improvised free jazz. Stimulating and different for those
steeped in the Darmstadt-Donaueschingen tradition; surprisingly
approachable for those who wouldn't go near that sort of thing.
Records International
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