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DAS
LABEL OAKSMUS
Es
gibt eine Tendenz in der jüngeren Neue Musik Szene, die zu immer
häufigeren Neugründungen von Festivals und Labels führt.
Dahinter steht eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem Neue Musik Betrieb,
der die breite Vielfalt kompositorischer Ansätze und Ideen vielerorts
ignoriert. Immer die gleichen Namen tauchen im Karussell der etablierten
Festivals auf, werden weiter gedreht und nur selten ausgetauscht. Vor
allem die KomponistInnen der jüngeren Generation - sie treten nicht
selten als InterpretIn- Improviser und KomponistIn in Personalunion
auf - praktizieren eine neue, stilistische Offenheit. Die strikte Trennung
von E- und U- Musik erscheint ihnen ohnehin obsolet.
Einer von
ihnen ist der in Berlin lebende Komponist und Pianist Dietrich Eichmann.
Eigentlich zählt der heute 36ig-Jährige zu den wenigen erfolgreichen
Komponisten seiner Generation. Erst im vergangenen Jahr wurde in der
Edition Zeitgenössischer Musik eine Porträt-CD von ihm herausgebracht.
Trotzdem hat auch Eichmann seine Probleme mit dem Neue Musik Betrieb,
was dazu führte, daß er das Komponieren vorübergehend
an den Nagel hängte und sein eigenes Label gründete: "Oaksmus"
so der Name. Der skurrile Neologismus ergab sich aus einer Kontamination
der englischen Wörter "oakman" und "music",
was zu deutsch soviel wie "Eichenmus" heißt. Aber auch
die klangliche Nähe zum Wort "Orgasmus" spielt da hinein.
"Ich bin dran gewöhnt, daß die Leute "Okasmus"
lesen" gibt Eichmann zu. Doch das stört ihn wenig, denn "eines
verbindet die Musik, die ich hier produziert habe und zu produzieren
gedenke, abgesehen von allen Ansprüchen die sie sonst noch haben
mag: das ist eine wirkliche Körperlichkeit, eine Sinnlichkeit in
der künstlerischen Ausdrucksform, die mir sehr wichtig ist, in
Musik generell, natürlich auch in meiner eigenen. Ein sinnlicher
Ansatz und eine humanistische Authentizität sind für mich
die ästhetischen Prämissen meiner Musikauswahl."
Nun steht
das Konzept und eine umfangreiche Website wurde unter "www.oaksmus.de"
etabliert. Im Sommer 2001 kamen die ersten 5 CD´s heraus. Das Spektrum
reicht von frei improvisierter Musik und Neuer Musik über Weltmusikalisches
bis hin zu lifeelektronischer Musik und Performancekunst. Die Grundstruktur
des "Verlags für neue, zeitgenössische Musik" ist
ungewöhnlich flexibel angelegt. Drei Schienen wurden eingeführt:
Schiene
1 und Herzstück des Ganzen sind die Livemitschnitte der "Studiokonzerte",
in denen sich bereits die ganze Vielfalt des musikalisch Anvisierten
spiegelt. Etwa vierteljährlich lädt Eichmann zu den illustren
Veranstaltungen in sein Wohnzimmer in den obersten Stock der Schivelbeiner
Straße ein. - Hier wurde im Sommer 2000, nach einem inspirierten
Gastkonzert des jungen, dem Free Jazz-nahestehenden Improvisations-Trios
Scherzberg-Hughes-Arnal die Idee des Ganzen geboren, worauf sich das
Trio den Namen "Top-Floor-Encounter" gab. Seitdem waren hier
unter anderen zu hören: Wolfgang Fuchs, Free Jazz Saxophonist und
Klarinettist, Werner Dickel, Geiger/Bratschist und ehemaliges Mitglied
des Ensemble Modern mit einem neuen Soloprogramm, sowie das Duo Silvia
Ocougne und Chico Mello (Gitarre/Gesang) mit ihren witzigen, von der
brasilianischen Popularmusik inspirierten Songcollagen.
Schiene
2 ist die sogenannte "flexible" Schiene. Hier sind Koproduktionen
mit Musikern und eigene Studioproduktionen mit selten aufgeführten
Stücken unter Ausschluß der Öffentlichkeit vorgesehen.
Zur Zeit gibt es eine Co-Produktion mit Wolfgang Fuchs und seinem Trio
"Lingua". In Planung sind Studioproduktionen mit Werken der
Komponisten Stefan Wolpe und Rolf Riehm.
Schiene
drei schließlich ist die sogenannte "historischen Schiene,
eine etwas fragwürdig formulierte Kategorie, bei der es sich laut
Eichmann um einmalige, in ihrer Form nicht wiederholbare, bisher unveröffentlichte
Lifemitschnitte der 80iger und 90iger Jahre aus den Rundfunkarchiven
handelt. - Das Wort "historisch" möchte er übrigens
nicht nur in einem anekdotischen Sinne ernst genommen wissen.
Zu den in
der dritten Schiene veröffentlichten Stücken gehört z.B.
der Lifemitschnitt der 89er Kollektivkomposition "Game & Earnest"
/Spiel und Ernst für Schachspieler, computergesteuerte Sampler
& Synthesizer, Konzertflügel, akustische & elektronische
Gitarren, Plattenspieler etc., an die sich Eichmann, der selbst daran
beteiligt war, lebhaft erinnert. "Das ist ein sehr interessantes
Ding, wo diese Utopie, eine Kollektivkomposition überhaupt machen
zu können, die musikalisch als Ganzes Sinn macht, realisiert wurde.
Teils ohne daß die beteiligten Musiker damals bemerkt hätten,
daß dies gelungen war. Die waren mit dem Resultat selbst überfordert.
- Und was lustig daran ist: Es gab tatsächlich zwei Schachspieler
auf der Bühne, die über das Schachbrett die Computermusik
steuern. Einer dieser Schachspieler war der Komponist Wolfgang Rihm,
bei dem ich damals studierte."
Die gebotene
Diversität der Stränge oder Schienen und das Bemühen
selten gehörtes, authentisches ans Licht zu bringen, machen deutlich,
daß es Eichmann durchaus um mehr als nur um ein Label geht. Nämlich
um einen persönlichen Gegenentwurf zum derzeitigen Musikbetrieb.
Einerseits möchte er mit dem Oaksmus-Label das kompositions- und
werkgeschichtliche Bild der Neuen Musik aus seiner Sicht gerade rücken.
Andererseits wünscht er sich, daß die von ihm als authentisch
und stark eingeschätzte Musik der verschiedenen Stilrichtungen
ein breiteres Publikum erreichen möge. Nicht zuletzt deshalb stellen
die gut besuchten Studiokonzerte im Hause Eichmann das Kernstück
des Oaksmus - Labels dar. Die stets bunt gemischte Hörerschaft,
teils Experten, teils Leute, die hier erstmals mit Neuer Musik in Berührung
kommen, ist ein ideales Stimmungsbarometer, an dem sich auch die Akzeptanz
des Labels messen läßt. Eichmann erklärt: "Ich
möchte genau das Publikum ansprechen, das potentiell vorhanden
und meiner Meinung nach viel größer ist, als allgemein behauptet
wird, und das ohne die Musik zu ändern. Ich möchte die Musik,
die stark ist, die anspruchsvoll ist, die den Hörer auch wirklich
fordert. Ich möchte diese Musik auf eine Art und Weise präsentieren,
daß der unvoreingenommene Hörer den Zugang dazu finden kann,
ohne das Gefühl zu haben - "Ich bin ja viel zu ungebildet
dafür - das übersteigt mein Fassungsvermögen." Man
muß nicht wissen, mit welchen Formeln der Komponist sein Stück
"gebastelt" hat. Das ist vollständig uninteressant. Das
einzige was interessant ist, ist das, was man hört."
Eichmann hat
sich viel vorgenommen. Ob seine Rechnung aufgeht oder nicht das steht
auf einem anderen Blatt. Ein starker Anfang ist gemacht. Hoffen wir,
daß es auch in Zukunft mit demselben Elan weitergeht.
Theda
Weber-Lucks / MusikTexte
Oaksmus
Ernste
Spiele - spielerischer Ernst
AIs
Jongleur mit den Kugeln Free Jazz, Neue Musik und Heavy Metal ist Dietrich
Eichmann durchaus kein Konformist. Er hat seinen in mancher Hinsicht
skurrilen Stil entwickelt, wobei Live-electronics einbezogen werden.
So bei "frühe sammlung einiger nacht portionen / seventh piano
piece", ein fünfteiliges Stück, das Dietrich Eichmann solo
mit voice, keyboard, piano, sampling und programming aufgeführt
hat. Zu der oder für die Musik hat er den poetischen Text "nacht
portionen" geschrieben, der Gedanken um die philosophische Thematik
"Verstand und / oder Gefühl", d. h. Aufklärung (Tag) oder
Romantik (Nacht) kreist. Der anspruchsvolle Text, noch durch die philosophischen
Erklärungen in den Liner Notes von Harald Borges der Kommunikation
in der Musik zugeordnet, widerspricht den dominanten Synthi - Klängen.
Denn diese sind vielleicht so etwas wie eine Ode mit dem drum computer,
bieten aber fast nur segmentierte beats, und der Text verliert sich
(manchmal undeutlich gesprochen) in diesem allzu simplen Elektro-Getrommel.
Lediglich in Part III, wenn Eichmann am Piano die dunklen Register bedient,
einen kleinen Ausflug in die unruhigen Sphären des Free Jazz macht,
haben Musik und Text einen glaubwürdigen Bezug.
Dietrich Eichmann organisiert seit 2000 die Hauskonzertreihe "oaksmus"
und produziert diese fürs gleichnamige Label. Sein "seventh piano
piece" (omH01, rec.: 9. 6. 1989) und zwei weitere CDs mit Berliner Musikern
sind bereits erschienen. Dabei das bemerkenswerte Duo Chico Mello &
Silvia Ocougne aus Brasilien. Sie machen mit zwei Gitarren und anderen
Instrumenten einen Streifzug durch die lateinamerikanische Popularmusik.
Doch vertraute Melodien verfransen sich allmählich zu dissonatem
Gewebe, werden zur Parodie oder Persiflage. Aber mit liebevollem Witz
und Slapstick, etwa wenn die berühmte "Ipanema" - Melodie durch
extreme Verlangsamung und Fragmentierung der Banalität enthoben
wird. Oder Silvia Ocougne bei einem traurigen Samba über den Tod
am Ende schnarcht. Ihr Programm "violao de dois" (om010202, rec.:
2. 2. 2001) ist sympathisch, doch leider nicht zu sehen. Denn zumindest
kann man beim Anhören der CD ahnen, dass Gestik und Mimik des Duos
fürs Publikum Bedeutung hatte. Wenn es denn irgendwann eine DVD
davon geben könnte, wäre diese visuelle Musik erst ganz zu
genießen.
Die konzeptionell interessanteste Produktion ist "Game & Earnest
/ Konzert für Schachspieler, computergesteuerte Sampler & Synthesizer,
Konzertflügel, akustische & elektrische Gitarren, Plattenspieler,
Tapes & Rückkoppelung, Alt- & Baritonsaxophon und Klangregisseur"
(omH02, rec.: 11. 12. 1989)
Wie das funktioniert, skizziert Harald Borges im Covertext: "In
‚Game and Earnest' sitzen zwei Schachspieler auf der Bühne und
betreiben ihr königliches Spiel. Allerdings auf einem präparierten
Schachbrett, dessen 64 Felder wie Steuertasten funktionieren. Wird eine
Schachfigur auf ein Feld des Schachbretts gesetzt, wird von der Elektronik
ein bestimmtes Stück eigens für dieses Feld komponierter Musik
- ein sogenanntes ,Modul' - gespielt. Vier Komponisten haben je 16 solcher
Module komponiert, die über das Schachbrett verteilt wurden. (
... ) zu dieser durch das Schachspiel gelenkten elektronischen Musik
treten vier Live - Musiker hinzu, die jeder nach einem eigenen Konzept
improvisieren." Das sind ernste Spiele und spielerischer Ernst zugleich,
dargeboten von: Dietrich Eichmann, Christoph Grund, Uwe Kremp, Wolfgang
von Stürmer und Reimer Volker. Schachspieler: Annemi Egri und Wolfgang
Rihm.
Die Musik - Resultate sind verblüffend: als ob verschiedene Radioprogramme
zusammengeschnitten wären, kommt es zu witzigen Korrespondenzen
der wechselnden Elektrosounds und diversen Instrumentalparts, mal als
Barpiano, mal als Sax - Lamento. Auch extrem gedehnte Popmelodien werden
nicht verschmäht, darüber Piano - Sketches und ein rauchiges
Sax. Zufall und Ordnung, Spontaneität und Notation springen hin
und her, eine Collage philosophischer Paradoxien in der Musik. Diese
Aufnahmen weisen auf einen dritten Weg (sofern davon zu reden ist),
jedenfalls sind sie von brillanter Intelligenz.
Hans-Dieter
Grünefeld / Jazzlive (Wien)
©
by oaksmus